„Cyberspace and International Relations“ – Interview mit Herausgeber Jan-Frederik Kremer

20. November 2013

| Bei Daten hört die Freundschaft auf |

Jan-Frederik Kremer und Benedikt Müller haben jetzt in „Cyberspace and International Relations“ zum ersten Mal aus wissenschaftlicher UND praktischer Sicht Folgen und Veränderungen unserer Gesellschaft durch Cyberization analysiert. Kremer, Regionalbüroleiter NRW bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, und Müller, IT-Experte bei IBM, haben Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen für ihr Buch zusammengetragen.


Bild_Freiheit._neuDie Internetangriffe auf Estland begannen am 27. April 2007. Ziel waren estnische Organisationen, darunter das Parlament, Banken, Ministerien, der Rundfunk. Die Cyberattacken legten zeitweise das ganze Land lahm. Das Beispiel Estland hat gezeigt: Dieser Hackerangriff war mit einfachen Mitteln möglich. Auch wenn das Sicherheitsnetz sich inzwischen erheblich verbessert hat: Terroristen könnten solche Ideen von Angriffen im Cyberspace theoretisch weltweit übernehmen und weiterentwickeln. Cyberterror, Cyberkrieg oder einfach nur Datenklau – die Optionen, gegeneinander im Netz zu arbeiten, sind vielfältig.

Fortschrittsinitiative: Haben Euch die Ergebnisse überrascht?

Jan-Frederik Kremer: Teils, teils: Es gibt ja beispielsweise schon seit Jahren Debatten, nicht ob sich durch Datennetze die Kriegsführung verändert, sondern wie. Hier ist alles im Einsatz. Von Virenschadsoftware, Bot-Netzen bis zu Drohnen, die per Joystick ferngesteuert den Gegner physisch angreifen. Das ist alles längst keine Fiktion mehr. Erschreckend für uns dabei: Die politische Debatte, wie wir sie beispielsweise derzeit gerade über PRISM und NSA führen, ist von der Praxis nicht nur überrollt worden. Die Praxis ist dieser Debatte um Längen voraus.

Fortschrittsintiative: Ist das dann überhaupt noch zu steuern?

Jan-Frederik Kremer: Schwer, aber es ist möglich. Das Problem: Unser Wissen aus der Forschung ist noch begrenzt, dementsprechend auch der Handlungsspielraum. Und Cyberkriminalität und Cyberkriegsführung sind nicht eindämmbar wie etwa die Verbreitung von Atomwaffen.  Klassische Instrumente des Kräftemessens (balance of threat) funktionieren hier ebenso wenig, wie bekannte Instrumente, die eine Verbreitung von Waffen eindämmen. Es ist schwer, waffenfähige Daten aufzuspüren und einzugrenzen. Vorreiterrollen im Cyberwarfare haben die USA, UK, Israel und China, eventuell noch Russland. Wer hier mächtig ist, kann auch diplomatischen und politischen Druck auf Gegner ausüben.

Fortschrittsinitiative: USA und Russland – das glauben wir gern. Aber China?

Jan-Frederik Kremer: Die Chinesen verschlafen diesen Trend keinesfalls. Mit ihnen müssen wir rechnen. In China wird seit einiger Zeit die Modernisierung des Militärs extrem vorangetrieben. Schwerpunkt dabei sind Cyberabwehr, aber auch –angriff und vor allem Spionage, also Datenklau.
Die chinesischen Kapazitäten sind dabei beeindruckend. Vermutlich sind es zwischen 10 000 und 15 000 Mann, allesamt IT-Experten des Militärs, die sich nur mit Cyberkriegsführung und Cyberspionage beim chinesischen Militär beschäftigen.

Fortschrittsinitiative: Wo kann man eine Nation im Netz angreifen?

Quelle: NASA

Quelle: NASA

Jan-Frederik Kremer: Da gibt es eine ganze Menge Top-Ziele: Das Stromnetz, die Wasserversorgung, das Bankensystem, unser Gesundheitswesen – aber auch die Mobilfunknetze. In den USA hat man das getestet:  Von einfachen Datendiebstahl bis zur physischen Zerstörung, wie etwa im Batman-Film „The Dark Knight Rising“.  Explodierende Kanaldeckel gehören längst nicht mehr nur ins Siencefiction-Kino.  In den Angriffsszenarien wird alles getestet:  Vom Eingriff in die Freiheit über Datenschutz, Wirtschaftsspionage oder Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen. Beinahe die gesamte Infrastruktur moderner Staaten hängt am Netz und kann das Ziel von Angriffen werden. In Estland war 2007 das Bankensystem mehrere Tage lahmgelegt und auch Stuxnet zeigte uns das zerstörerische Potenzial von Cyberwaffen.

Fortschrittsinitiative: Können wir uns schützen?

Jan-Frederik Kremer: Schwer, aber auch auf europäischer Ebene passiert viel zum Thema Cyberabwehr.  Die Nato hat kürzlich dazu eine großangelegte Übung gestartet. Aber eine gesamteuropäische Lösung wird es vermutlich aufgrund struktureller Probleme nicht geben. Eine nationalstaatliche Lösung scheint hier sehr wahrscheinlich, wenn auch wenig wirkungsvoll – so lange nicht konsequent verfolgt. Staaten wie die Bundesrepublik, müssen hier ihre Kapazitäten enorm vergrößern und besser werden.

Fortschrittsinitiative: Jetzt haben wir bislang nur Drohkulissen gemalt. Hat der Cyberspace auch positive Effekte?

Jan-Frederik Kremer: Auch die gibt es natürlich: Der Norweger John Karlsrud hat für uns Peacekeeping 4.0 beleuchtet: Den Einsatz großer Datennetze bei UN-Projekten oder aber in der Entwicklungsarbeit. Da ist enormes Potential, und teils wird es auch schon genutzt. Diese Nutzung sollte aber intensiviert werden. Dann kann sie das sogenannte Peacebuilding effektiver machen.
Ein anderes großes Feld des Daten- und Programmeinsatzes in der Wissenschaft sind Wetter- oder Geodaten, wie sie etwa beim Tsunamifrühwarnsystem zusammengeführt und in kürzester Zeit ausgewertet und international versendet werden.Auch der ökonomische Nutzen des Cyberspace birgt weiteres riesiges Potenzial! Man nehme nur das Beispiel Verbraucherschutz, cloud computing und big data. Hier darf Deutschland nicht durch Überregulierung und falsch verstandenen Datenschutz Fortschrittschancen verspielen.  Gerade die Balance des Datenschutzes muss im 21. Jahrhundert neu justiert werden – die wechselseitige Abhängigkeit der Welt lässt sich hier nicht zurück drehen und ein effektiver Datenschutz muss diesem Zusammenspiel Rechnung tragen, ohne wirtschaftliche Potenziale abzuwürgen.

Das Gespräch mit Jan-Frederik Kremer führte unsere Autorin Patricia Schrader-Wurbs.

 

 

Verfasst in: Allgemein

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